Study Visit in Schweden

Study Visit in Stockholm – 16. September – 21. September 2012

Weitere drei MitarbeiterInnen von samara haben im Zuge des Projekts einen fünf-tägigen Studienaufenthalt in Stockholm / Schweden  verbracht und dort eine Gymnasium, zwei ministeriumsnahe Einrichtungen („agencys“) sowie fünf NGOs besucht. Hier finden Sie unser Wochenprogramm unser sowie eine detaillierte Beschreibung der Einrichtungen, die wir in Stockholm kennengelernt haben.
Auf dieser Seite wollen wir ein paar Eindrücke unserer Studienreise präsentieren:

Wir haben von verschiedenen Fachleuten erfahren, dass Schweden eine Gesellschaft mit großer Segregation zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe ist. Besonders in den drei größten Städten führt das zu großen Problemen. In Stockholm wohnen Mittel- und Oberschicht im Zentrum und in manchen guten Vororten. Benachteiligte Gruppen wohnen am Rand der Stadt – in teils ghettoisierten Siedlungen. In dieser Situation kommt es zu richtigen Parallelwelten und -wertesystemen, weswegen zum Beispiel „Gewalt im Namen der Ehre“ ein großes Thema geworden ist. Momentan ist „Gewalt in Namen der Ehre“ oberstes Thema für Jugendprogramme und -projekte. Das ausschlaggebende Ereignis war im Jahr 2002, als es einen Ehrenmord gab, welcher in Schweden für großes mediales und politisches Aufsehen sorgte, wobei ein Vater seine Tochter umgebracht hat. Manche der (Frauen)Organisationen arbeiten seit 1994 mit diesem Thema.

Der Anteil an Menschen nicht-schwedischer Herkunft beträgt 28.1% in Stockholm, im Stadtteil Tensta, den wir besucht haben z.B. 85,9%. Ein größerer Anteil der MigrantInnen als in Österreich ist über Asylanträge aufgenommen worden. Viele Menschen haben langjährige Lager- und Zelterfahrungen, Kriegsgeschichten etc. Große Gruppen sind aus Afrika und Asien (Naher Osten). Es gibt nicht so viele Menschen, die über Gastarbeiteranwerbungen gekommen sind.

Bei unserem Besuch bei der „National Agency for Education“ wurde uns berichtet, dass die langjährige Praxis der Segregation und der falschen Toleranz aus Angst jemanden zu beleidigen zur Diskussion geführt hat, wessen Normen und Rechte geschützt werden sollen. Die Diskussion hat ergeben, dass Kinder-, Frauen- und Menschenrechte vor dem Recht auf Tradition / Kultur stehen. Der Faktor Kultur kann Menschenrechtsverletzungen nicht legitimieren. Kinder werden z.B. aus religiösen Gründen vom Sportunterricht ferngehalten. Oder Mädchen und Burschen nicht-schwedischen Hintergrundes durften früher auch als unter 18 Jährige heiraten (praktisch gesehen waren das viele Zwangsehen) und diese sind Formen der Diskriminierung. Junge Menschen nicht-schwedischer Herkunft hatten nicht dieselben Rechte / Schutz wie ihre schwedisch-stämmigen Gleichaltrigen. Dieses Gesetz wurde kürzlich geändert. Es gibt jetzt immer mehr NGOs, welche antirassistisch arbeiten und trotzdem religions- und traditionskritisch sind.

Diese Entwicklungen führten zu einer sehr progressiven Gesetzgebung mit einem intersektionalen Ansatz. 2006 und 2009 wurde Antidiskriminierungsgesetze erlassen. Für Schulen sind die besonders relevant, sie müssen jährlich einen Aktionsplan vorstellen. Dieser umfasst:

  • Promotion der Gleichberechtigung im Alltag
  • Maßnahmen zur Prävention von Diskriminierung von herabwürdigender Behandlung und Übergriffen
  • Sofortige Maßnahmen

Die Rolle der Direktion, die dadurch gesetzlich bestimmt wurde, ist eine sehr starke. Die Direktion kann nicht sagen, „ich habe davon nichts gewusst“ bei einem Vorfall. Die Schulen müssen also bei einem Vorfall tätig werden und es gibt die Möglichkeit der Behörde Sanktionen zu setzen. Wenn dies nicht passiert können Betroffene klagen und eine Entschädigung zugesprochen bekommen.

Diese Erkenntnis ist ähnlich wie aus unserem Pilotprojekt: es gibt jeweils eine Kettenreaktion und die grundsätzliche Haltung der Direktion prägt die LehrerInnen und diese wiederum die SchülerInnen.

Aufgrund unseres Besuchs im Ross Tensta Gymnasium sehen wir gemeinsamen Religionsunterricht von Kindern aller Religionen als good practice an. Unser transkultureller Ansatz geht nicht einher mit Religionsunterricht bei dem die Kinder ab sechs Jahren getrennt werden, da oft Gefahr besteht, dass es das Denken „die Anderen und wir“ verstärkt. Am besten fänden wir einen gemeinsamen Unterricht in dem verschiedene Religionen gleichwertig behandelt werden und ein Miteinander schon in der Religion vorgelebt wird z.B. durch gemeinsame Stunden mit Imam, PriesterIn, RabbinerInnen, AtheistInnen.
Genauso ist unsere Empfehlung, zu hinterfragen ob der getrennte Turnunterricht in Mittel- und Oberstufe bei uns noch zeitgemäß ist.
Ein extra Raumangebot für die Eltern und die Kinder in der Schule wäre eine Möglichkeit die Hemmschwelle in der Kommunikation mit der Schule niedriger zu halten.

Der Fokus von „Men for gender equality“ mit einer normkritischen Haltung und Kommunikationsweise ist sehr interessant. Es ist wichtig immer behutsam nachzudenken, welche (versteckten) Normen wir in der Arbeit / beim Sprechen transportieren. Das Ziel, so das Hinterfragen gängiger Männlichkeiten anzuregen ist auch ein wichtiger Aspekt für unsere Arbeit auf den verschiedenen Ebenen. Ein Hinweis aus deren Praxis ist, dass die Mädchen sehr dankbar sind „endlich“ über Männlichkeit reden zu können.

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